Natural born Salesmen
13. März 2007 von Jochen Mayer
Vertrieb als unternehmerische Disziplin ist allgemein immer noch erstaunlich intransparent. Eine Führerscheinprüfung dafür gibt es nicht. Bei meinen Search-Aufträgen nach Vertriebsexperten hatte ich über die Jahre hinweg nicht wenige Kandidaten in Interviews, die ihren vermeintlichen Erfolg mehr auf angeborenes Talent und die geheimen Kräfte von Golfplätzen, als auf methodisches Vorgehen und Sozialkompetenz begründeten, eine Formel, die ihnen gar nicht so selten sogar geglaubt wird.
Gestern hatte ich wieder so einen genetisch bedingten Erfolgstyp im Interview “ach wissen Sie Herr Mayer, Vertrieb muss man einfach im Blut haben!”. So klar kann die Welt sein.
Also ich finds gut, wenn Vertrieb angeborenes Talent ist: Zum einen reduziert sich dann die Personalauswahl auf einfache Gentests, bitte wundern Sie sich also nicht, wenn Sie statt Bewerbungsunterlagen zukünftig immer öfter Haarproben einschicken sollen. Zum anderen brauchen genetisch diesbezüglich Benachteiligte sich auch gar nicht erst in diese Richtung bemühen, es wäre eh nur ein Kampf gegen natürliche Vorbestimmung und Erbgut (es sei denn, sie sind ein passionierter Gegen-den-Strom-Schwimmer, weil andere Fische ja tot sind).
Entsprechend können Sie sich auch die Literatur der Methodik dieser Grenzwissenschaft sparen, es sei denn, um in Stille und Bewunderung an dieser schillernden Welt der A4-Kombi-Fahrer teilzuhaben. Der wirkliche Erfolg entsteht dann auch nicht durch Fleiß, Produktmanagement, Sales Cycles oder Kundenorientierung, sondern durch das Zusammentreffen der darwinistischen Veräußerungselite mit Spitzenentscheidern auf Golfplätzen! Mit anderen Worten: der Feng Shui Goldkonstellation!
Anbieter freuen sich über diese Enwicklung! Die Folge ist schon am Markt zu sehen: Ein “XING” voller freier Vertriebsspezialisten, die anbieten Kunden und Aufträge herbeizuzaubern und auf der anderen Seite Unternehmen die sich Zauberei mehr wünschen, als Nachvollziehbarkeit. Entsprechend wird um die Vergütung gepokert. Die Positionen sind “zahl mich erst, ich zaubere später” versus “zaubere erst, ich zahle später”.
Nicht verwunderlich, wenn dann nicht mehr eine nachvollziehbare Leistung, sondern wundersamer Erfolg zum Gegenstand von Zusammenarbeit und Vergütung wird. Endlich wird der Schritt von der der Leistungs- zur Erfolgsgessellschaft beschritten!
Also ich hab mich jetzt zur Blutwäsche angemeldet, mit Vertriebsgeschmack …



14.03.2007 um 07:24 Uhr
Ich kenne auch einige der Vertriebsgranaten mit Wohnort Palma de Mallorca – weil man von Palma beste Flugverbindungen in die Welt hätte.
Vermutlich macht es einen Unterschied ob Vertrieb im B2B oder B2C-Bereich stattfindet.
Ich vermute, dass ein Autoverkäufer emotional ganz anders verkaufen kann und für ihn Gendoping (also eine Verkaufsschulung) durchaus ein Weg zum (dort vielleicht legitimen) “genetisch bedingten Erfolgstyp” sein kann.
14.03.2007 um 08:41 Uhr
Wohnort Palma wegen Fluganbindung: Das sind genau die Schicksale auf die ich aufmerksam machen möchte und die uns all nachdenklich stimmten sollen (wenigstens zur Weihnachtszeit)! Soll sich das der Arbeitsminister, die Familienministerin und vor allem der Verkehrsminister mal anschauen! Da verlassen ganze Familien ihre Heimat, wie Winsen/Luhe, Pfullendorf oder Verl, um sich verkehrstechnisch gegenüber dem neuen Europa zu positionieren – und es ist rein instinktgetrieben, wie bei den Zugvögeln!