Heute hatte ich wieder einen dran: Einen der Spezies „Vielredner“. Den Geschäftsführer einer kleinen IT-Klitsche, dessen Geschäfte scheinbar gerade nicht so gut laufen. Denn nachdem ich fast ein Jahr nichts von ihm gehört hatte, schlug er mir plötzlich eine Kooperation vor. Der Mann redete und redete. Was eigentlich Frauensache ist, oder?. Wie toll er ist und sein Unternehmen sowieso und dass es eine gute Idee sei, wenn ich meinen Kunden seine IT-Dienstleistungen mit anbiete. Er ließ mich weder zu Wort kommen noch sagte er mir, was ich von dem Deal hätte.

Ich wurde unruhig, genervt und das Telefonat ermüdete mich. Bald stützte ich den Kopf auf meinem Arm ab und klickte mit der anderen Hand zu Spiegel-Online. Ich bin von Natur aus interessiert und neugierig. Ich höre in Gesprächen aktiv zu und lasse mein Gegenüber ausreden. Ich bin tolerant fragte mich sogar noch, ob der Mensch vielleicht ein starkes Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und Anerkennung hat; der Arme will wahrscheinlich einfach nur geliebt werden.

Aber: So ein Verhalten ist ignorant, egoistisch, respektlos, unkommunikativ und langweilig. Es ist meine Zeit und meine Nerven und ich bin nicht bereit diese Vielrednergespräche zu ertragen.

Am liebsten hätte ich mir Watte in die Ohren gestopft. Dann kam mir folgende Idee: Ich atmete tief ein und aus, baute so meine Spannung ab. Ich bleib freundlich, und nutzte eine klitzekleine Gesprächspause von der Quasselstrippe dazu, ihn zu fragen, was ich denn von der Kooperation hätte.

Statt einer Antwort, wiederholte er, was er schon gesagt hatte. Ich blieb hartnäckig: „Vielen Dank. Diesen Punkt hatten wir schon. Ich schlage vor, wir kommen jetzt dazu, was du für mich tun kannst“. Er meinte: „Kein Problem, du kannst bei deinen Kunden meinen guten Ruf nutzen und das kommt dir ja auch zu Gute. Außerdem kannst du so dein Leistungssprektrum erweitern. Das ist doch was!“

Ich entgegnete nach wie vor höflich: „Kann ich zusammenfassend sagen, dass ich Kunden für dich besorgen darf und dafür als Gegenleistung deinen guten Ruf nutzen kann.“ „Ja“, bestätigte er – was eine Selbstüberschätzung!

Ich erklärte ihm, dass ich unter Kooperation ein gegenseitiges Geben und Nehmen verstehe und daher sein Angebot für mich uninteressant sei. Ich beendete das Telefonat. Das Gespräch dauerte „nur“ 10 Minuten – aber es kam mir vor wie eine Ewigkeit.

7 Kommentare zu ““Hör auf, hör auf, hör auf” oder wie man Vielredner stoppt”

  1. Oliver sagt:

    aber Sie haben es nicht geschafft den Vielredner zu stoppen!
    Wie geht man nun in solchen Situationen vor:
    1.) einen auf “oh die Leitung ist aber schlecht” machen?
    2.) “oha, mein zweiter Aparat klingelt. Kann mein Chef sein, da muss ich ran”?
    oder doch besser
    3.) “oh, habe gerade einen Termin vorverlegt. Da muss ich dringend hin.”?

  2. Jochen sagt:

    Ich hatte eben den Anruf von einer zunächst blonden Produktmanagerin (www.produktmanagerin.de), die redete mich auch in Grund und Boden. Ich fürchte Sie hat Ihr Privatleben für Ihre Karriere geopfert und muss sich nun in diesem Terrain freireden!

  3. Oliver sagt:

    mit der hatte ich auch schon zu tun. Sie scheint sehr mitteilungsbedürftig zu sein. Bin gespannt was sie uns in ihrem Blog spannendes aus ihrem Job erzählen wird, da muss ich dann auch nicht überlegen wie ich möglichst elegant den Hörer auflege.

  4. Carla sagt:

    Hallo Oliver,

    ich denke ich habe den Vielredner gestoppt. Wer weiß wie lange er mir sonst die Ohren vollgequatscht hätte. Meine Strategie basierte auf folgenden zwei Techniken: 1.Ich habe genau zugehört und kurze Gesprächspausen genutzt, ihn höflich zu unterbrechen
    2. Ich bin schnell auf den Punkt gekommen, und habe mich von seinem Gerede nicht vom Thema abbringen lassen.

    Ich hätte auch den Stecker rauszuziehen und der Labertasche klar sagen können, dass ich keine Zeit habe. Aber es kommt ja immer drauf an, mit wem man spricht. Bei meinen Kundentelefonaten frage ich zu Beginn, ob mein Gesprächspartner ein paar Minuten Zeit zum Telefonieren hat. Wenn nicht vereinbare ich einen neuen Anruftermin. Damit habe ich sehr gute Erfahrungen gemacht und ich setzte meinen Gesprächspartner nicht unnötig unter Druck.

    Ich denke, dass in hartnäckigen Fällen eine Notausrede wie „Ich muss jetzt leider auflegen wegen Termin o.ä.“ die Quasselstrippe stoppt. Die Frage ist nur, wie lange man sich den Vielredner vom Hals hält. Und Unehrlichkeit, das spüren viele Menschen, das würde ich nicht machen.

    Folgende Strategien können einen Vielredner zusätzlich stoppen:
    - Die direkte Ansprache mit seinem Namen erhöht seine Aufmerksamkeit und vermindert das Abschweifen,
    - Er wird langsamer reden, wenn man ihm sein Verhalten spiegelt, z.B. durch Anpassen an seine Gesprächsgeschwindigkeit oder durch lautes Bellen ins Telefon – Letzteres kann auch eine Diskussion auslösen :-)
    - Fragetechniken wie „geschlossene Fragen “ oder „alternative Fragen“ einsetzen

    Welche Erfahrungen haben Sie denn mit Vielrednern gemacht?

  5. Oliver sagt:

    wenn ich Zeit habe, lasse ich -quasi zu Studienzwecke- sehr oft mal reden, auch länger.
    Man will ja lernen und Gewissheit haben. Gewissheit, dass man selbst (hoffentlich) “besser” kommunizieren kann.

    Zunehmends gefallen finde ich auch, wenn ich den Spiess umdrehen kann.

    Beispiel:
    Da in der Zeitung steht, dass wir demnächst umziehen, wollte mir neulich wieder einer neue Bürostühle aufschwatzen. Da der Hersteller auch für uns ein potentieller Kunde war, habe ich während des Gesprächs die Rolle getauscht und bei ihm Interesse an einem Identity Management geweckt. Ob es echt war oder nicht, egal.
    Ich hatte ein gutes Gefühl, konnte ihm ein paar Unterlagen senden und er hat sich aufrichtig für die Infos bedankt.

    D.h. wenn mir ein Anrufer was verkaufen will, bestehe ich auf mein Recht auch ihm etwas verkaufen zu können. Vielleicht traut sich dann irgendwann gar kein Verkäufer mehr freiwillig anzurufen :-) Aber soweit solls ja nicht kommen.

  6. Carla sagt:

    Das finde ich einen super Ansatz. Vertrieblicher Erfolg und Geschäfte machen basieren meiner Meinung nach letztlich immer auf gegenseitigem Geben und Nehmen. Und wenn ein Vertriebler anruft, ihm direkt ein Geschäft vorzuschlagen, finde ich besonders pfiffig :-)

    Und außerdem wer sagt, dass man nur Ware gegen Geld tauschen kann. Auch Ware gegen Ware kann funktionieren. Schon die alten Ägypter tauschten untereinander Kuhfelle gegen gemahlenes Getreide.

  7. SunnySideUp sagt:

    … das hört sich an, wie ein Gespräch mit meinem Vorgesetzten! Danke für die Ausführlichkeit dieses Beitrages – er hat mir geholfen. Ich fasse zusammen: Ich atme tief durch und wiederhole, was ich an Informationen erhalten habe und entscheide mich – endlich einmal – diese NICHT zu befolgen! ;-) Danke!

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