Nach Verkaufseminar Kunden verkauft …

28. Juni 2007 von Jochen Mayer

… und zwar für dumm! Ich war gerade bei einem Handelsunternehmen, das im letzten Quartal viel Geld für Verkaufsseminare für die Mitarbeiter ausgegeben hat. Das wird dort alle drei Jahre turnusmäßig für alle Verkäufer durchgeführt. Also für alle die keine Ausrede finden, nicht hin zu müssen. Diesmal war der Schwerpunkt die “Einwandsbehandlung”.

Im Kern: Wie unterscheide ich Vorwände von Einwänden und wie verkaufe ich trotzdem?

Im Vorfeld gab es wieder ein paar aufmunternde Vertriebsparolen wie die, die vermutlich sogar den Klimawandel überstehen wird und damit neben alea iacta est zum aussichtsreichen Kandidat des Vermächtnisses der Menschheit anvanciert:

Verkaufen fängt an, wenn der Kunde NEIN sagt!

Die zugrundeliegende Weltanschauung führt genau zu der Sorte Maschinengewehrverkäufer, die viele bekannte Unternehmen jahrzehntelang herangezogen haben – Menschen die keiner mag. Und außerdem zu Kunden die nichts mehr glauben.

Natürlich ist es eine tolle intellektuelle Leistung mit einem Repertoire von Rethorikkenntnissen umgehen zu können. Ob zum Guten oder zum Schlechten entscheidet wie immer die Intention. Also wie bei der Genforschung.

Solange kurzfristige unternehmerische Ziele höher belohnt werden, als langfristige – oder gar langfristige Ziele einzig in der Erreichung vieler aufeinanderfolgender kurzfristiger Ziele bestehen, werden Produkte an verdeckten Stellen schlecht sein und Vertrieb dosierter Beschiß.

Vielleicht geht diese Vertriebsära bald zu Ende, weil sie nicht mehr genügt, um ausreichend Shareholder Value zu erzeugen. Kundenbindung ist bereits zur Königsdisziplin geworden, weil Neuakquisition zu teuer wurde oder es nicht mehr genügend Neukunden mehr gibt. Doch es gibt immer noch zwei Möglichkeiten die alte Welt noch ein bisschen aufrecht zu erhalten:

1. Kunden vertraglich unangemessen binden und

2. ein modernes Mäntelchen zur Verdeckung der eigentlichen geschäftlichen Intention drüber zu stülpen.

Solche Mäntelchen können wir beispielsweise als Verkaufseminar, -coaching oder -training überall kaufen. Da wird versucht mit auswending gelernten Antworten auf Einwände des potenziellen Käufers zu reagieren und ihn rethorisch zum Kauf zu manipulieren. Original Sprachgebrauch aus den Seminarunterlagen: “Abfangformulierungen zur Einwandbehandlung – Kontertechnik”, gleicher Tenor mit Anwendungsbeispielen auch in einem Wirtschaftslexikon und einige Statements möchte ich gar nicht zitieren.

Warum wundern wir uns eigentlich, wenn die Umsetzung von Trainingsinhalten in der verkäuferischen Praxis so ungenügend ist? Es IST halt einfach sehr schwierig, ehrlich und authentisch und nachhaltig zu wirken, wenn man gerade jemanden über den Tisch zieht!

Ich plädiere für Verkaufsgespräche, die man auch mit Freunden führen würde. Dort will man Vertrauen und Langfristigkeit, also sollte es richtg sein. Ich spreche mich auch dafür aus Vertrieb und Verhandlung als Wissensdisziplin möglichst gut zu verstehen, um diese wichtigen Geschäftsprozesse so effizient wie möglich durchführen zu können.

Ich plädiere dafür ein NEIN des Kunden als sein NEIN zu respektieren. Nur um bessere Geschäfte zu machen.

2 Kommentare zu “Nach Verkaufseminar Kunden verkauft …”

  1. Stefan Waldmann sagt:

    Sehr guter Beitrag! Wenn ich etwas nicht möchte und nein sage, dann möchte ich nicht, dass mich einer vollquatscht und zu versuchen, mich vom Gegenteil zu überzeugen, obwohl ich mich doch schon entschieden habe!

    Bei dem Satz “Es IST halt einfach sehr schwierig, ehrlich und authentisch und nachhaltig zu wirken, wenn man gerade jemanden über den Tisch zieht!” habe ich mir ein Grinsen nicht verkneifen können – wie wahr er doch ist!

  2. Ralf sagt:

    Hallo Jochen Mayer,

    ich kann Ihre Erfahrungen und Wünsche zu diesem Thema nachvollziehen. Auch mir ist sowas in meiner Praxis widerfahren. Ich habe jedoch nicht die Hoffnung, das sich das mal in die von Ihnen hoffnugnsvoll ersehnte Richtung ändert. Zu viele Unternehmer sind auf dem Tripp kurfristig reicher zu werden und zuviele Käufer sind drauf trainiert, beim Einkauf genau die vom Einkaufstrainer propagierten “Einwandsmethoden” auch anzuwenden.

    Ich habe in Einzelfällen erlebt, das nach einer guten Beratung der Kunde nicht gekauft hat, anschließend eine Einsicht hatte, das er beim Mitbewerb weniger gut beraten war und danach nicht wieder gekommen ist und auch das mal einer auch wiedergekommen ist.

    Aber es liegt meines Erachtens am “Rückrat” also am Charakter des Einzelnen, ober er diesen steinigeren Weg der Ehrlichkeit gehen möchte. Ein weitere Faktor sind die dazu passenden Gehaltsmodelle. Aber hier muß auch die Chef-Etage mitspielen….

    Als Indikator dafür, ob man richtig in Ihrem Sinne liegt mag vielleicht folgende Erkenntnis dienen.

    In unserem Softwarehaus habe ich über die Jahre immer wiedermal Kunden von Kollegen oder Partner übernommen. Wenn man diesen Kunden direkt mit Produkten kommt, die Sie bitte nach Möglichkeit sofort kaufen sollen, werden diese doch oft sehr “zurückhaltend”.

    Vielmehr sollte man ein paar Besuche ohne konkretes Verkaufsinteresse im Vorfeld machen, bis man vom Kunden als fachlich kompetenter Ansprechpartner akzeptiert wird. Dies kann man daran erkennen, ob der Kunde einem ein Produkt abkauft, das für ihn eine strategiche Komponente hat, oder ihn wieder auf längere Zeit an das uns als Lieferanten bindet. Man wird schell merken, das die Kunden dann einem selbst gegenüber auch menschlich offener werden.

    Hier wird einem dann das Vertrauen geschenkt, das man dann niemals mehr mißbrauchen darf.

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