Vertrieb oder Vertreibung?

27. Juli 2007 von Georg Blum

Wer, wie ich heute Nacht nicht schlafen konnte, der versucht sich mit irgendwelchen Dingen die Zeit zu vertreiben. Gut, Schäfchen zählen kann eine Möglichkeit sein. Ein anderer Weg ist, sich Gedanken über Dinge zu machen, die zwar nicht lebensnotwendig sind, aber elementar. Meine Gedanken beschäftigten sich vergangene Nacht mit der elementaren Frage:

Nennt man das nun – was wir zumindest mehr oder weniger tagein, tagaus machen – Vertrieb oder Vertreiben? Da dieser Berufsstand einen ähnlich guten Ruf hat wie Fallensteller, Kammerjäger oder Gerichtsvollzieher, versuchte ich mich dem Thema mal ganz neutral und sachlich um drei Uhr morgens zu nähern. Frei nach Don Carlos: Sir, geb’ die Gedanken frei!

Das Wort Vertreiben hat seinen Wortstamm im Tunwort „treiben“. Das passende Hauptwort dazu könnte Trieb sein. Und obwohl, man bei Vertrieb oft an unmoralisches Vorgehen denkt, sollte das Wort Trieb hier natürlich nur in seiner positivsten Form betrachtet werden. All diejenigen, die sich mit Vertrieb beschäftigen, benötigen also einen besonderen Trieb. Nennen wir es moralisch unantastbar: Antrieb.

Dies warf bei mir die nächste Frage auf: Wenn wir schon Vertrieb mit Antrieb machen, wie und was vertreiben wir dann? Zuerst zum „Was wird vertrieben?“ Da sich Vertriebler oft als die besseren Menschen darstellen, sei uns/ihnen gesagt: Schon vor langer Zeit bevor Produkte und Dienstleistungen „unters Volk gebracht werden sollten“ – zu einer Zeit als noch alles besser war – fand die Vertreibung aus dem Paradies statt.

Beamte werden allgemein hin mit dem Vorwurf konfrontiert sich nur die Zeit zu vertreiben. Und bei Goethe kämpft Faust nach dem Motto: Wie vertreib ich nun die Geister, die ich rief. Am schönsten finde ich in diesem Zusammenhang immer noch den Satz aus dem Film „Der Pate I“, wenn Vito Corleone sagt: „Wir machen Ihnen ein Angebot, dass man nicht ablehnen kann“.

Nach dem „Was?“ war ich bei dem „Wie?“ angelangt. Wie vertreiben wir? Wer je irgendwann einmal Kontakt zu einem Vertriebler hatte, der darf sich getrost diese Frage in seiner ganzen Bedeutung stellen. Letztendlich ist doch des Pudels Kern die Frage: Ist Vertrieb nun das Vertreiben von Produkten oder von Kunden? Auch hier – ein letztes Mal auf Wortbedeutung zurückgegriffen – bedeutet vertreiben u.a.: anbieten, ausbürgern, austreiben, ausweisen, davonjagen, entfernen, entlassen, fortjagen, fortscheuchen … oder absetzen, losschlagen, raushauen, veräußern, verscherbeln, verhökern, verklopfen, verramschen, verschachern.

Herrlich, haben Sie ein gutes Wort oder eine positive Assoziation entdeckt? Gibt es einen Grund, warum der Kunde dem Vertrieb gegenüber positiv eingestellt sein soll? Kein Wunder wird die Aussage eines Vertrieblers „Ich komm nachher schnell bei Ihnen vorbei“ schon als glatte Drohung empfunden.

Die letzten Gedanken der vergangenen Nacht, an die ich mich heute noch erinnern kann, kreisten um die Frage: Warum machen wir unseren Vertrieb eigentlich den ganzen Tag, wenn im Grund alles, was darüber gesagt oder geschrieben wird, nur negativ ist. Ich glaube, eingeschlafen bin ich mit einem kleinen Lächeln im Gesicht und der Antwort:

Ganz einfach, weil es mir ganz persönlich riesigen Spaß macht! Ihnen doch auch, geben Sie es doch zu. Aber nennen wir doch unsere vertrieblichen Aufgaben lieber „Kunden gewinnen und binden“. Das klingt doch viel schöner! 

Ein Kommentar zu “Vertrieb oder Vertreibung?”

  1. Christian sagt:

    Ein wirklich großartiger Artikel. Ich musste wirklich schmunzeln. Für den Fall, dass jemand einen guten Vertriebler sucht, der den Kunden nicht vertreibt, empfehle ich: http://www.exactus-marketing.de
    Viele Grüße

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