Dürfen Vertriebler auch einmal NEIN sagen?

29. November 2007 von Christian Spin

Fragen und Aussagen wie diese kennen Sie doch auch, oder?

Nach 30 Minuten Verhandlung kommt die unvermeidliche Frage: Ist das Ihr letzter Preis?
Kurz vor der Unterschrift die verschmitzte Frage: Ist bei diesem Auftragsvolumen das Initialprojekt/die Beratung nicht inbegriffen?
Ein entrüsteter Gesprächsauftakt mit dem Verweis: Also Ihr Mitbewerber bietet uns 12 Monate Leistung zum Preis von 11 Monaten an!

Die Liste der zum Teil schamlosen Wünsche ließe sich beliebig fortsetzen. Wo ist die Grenze des Zumutbaren? Wann darf ein Vertriebler Nein sagen? Und zwar schon, bevor seine Preisvorgabe, aufgrund der internen betriebswirtschaftlichen Grundlagen ermittelt, erreicht ist.

Ist der Einkäufer einfach nur unverschämt, oder ziehen wir im Zweifel den Schwanz ein? Vielleicht klemmt es nicht an unserer Verhandlungsführung, sondern unser Verhandlungspartner mißachtet die Spielregeln. Nicht immer, aber immer öfter scheint auch bei einem potentiellen Kunden die Frage nach dem Preis der Leistung der Dreh- und Angelpunkt der Auftragsvergabe zu sein. Nicht das wir uns falsch verstehen. Verhandeln gehört dazu, aber dann bitte höchst anständig, wie der Hamburger sagt.

Plötzlich spielt das Produkt, der Service, die Qualität eine untergeordnete Rolle, Ihr Gegenüber hat Sie fest im Griff. Kein Entrinnen aus der Ecke, in die man Sie gestellt hat. Nur, wie sollen Sie sich jetzt verhalten? Können Sie sich soweit verbiegen, wirklich auf jeden Vorschlag einzugehen, oder haben Sie Ihre eigene Grenze klar im Fokus?

Ich meine hier natürlich nicht (nur) die Grenzkosten und die Kalkulation des Angebotes, sondern auch und vorallem die Bereitschaft, mit guten Argumenten dem Kunden zu erklären,  warum eine Leistung Ihren Preis hat. Ein klassisches Dilemma tut sich auf, gewaltig wie der Grand Canyon. An diesem Punkt der Verhandlung kann jede Entscheidung falsch sein. Nachgeben, Aufgeben, neue Argumention aufbauen, zusätzliche Serviceversprechen on Top, am Stück oder Geschnitten?

Ist der Verkauf auf Biegen und Brechen über den Preis der richtige Weg, spielen vielleicht strategische Gründe eine Rolle, einem Penetrationspreis zuzustimmen oder hat jede Verhandlung Ihre Grenzen? Es kommt natürlich auch auf die Situation an, den Stellenwert des Kunden im Unternehmen und auch auf die Art und Weise der Verhandlungsführung. Ist die Schmerzgrenze erreicht, dann sollte der Vertriebler nicht mehr “mitspielen”!

Eines sollte klar sein, kein Verkäufer wird glücklich sein, wenn er nur über den Preis verkaufen kann und nicht immer ist dies ein Kardinalsfehler des Vertrieblers in der Verhandlung. Also laden Sie Ihre Waffe durch und ziehen erneut in die Schlacht.

Oft genug haben Einkäufer und/oder Abteilungsleiter strikte Vorgaben, wie sie zu verhandeln haben. Aber: Ein Lieferant sollte nachhaltig gute Leistung bieten, auch er muss um seine Marktposition Sorge tragen. Geknebelt, Gedrückt und um jegliche Marge gebracht ist dies dauerhaft nicht zu leisten. Am Ende verlieren Beide! Ein gesundes Maß des Verständnisses für die Notwendigkeiten des Gegenüber ist geboten. Mein Plädoyer für ein Nein ist daher ein Zwischenmenschliches, welches ich mit weiteren Fragen darlege.

- Werden Sie einem Sie knebelnden Kunden den gleichen Service zukommen lassen, wie anderen Kunden?
- Können Sie sich dauerhaft von der vermeintlichen Verhandlungsniederlage “freimachen”?
- Gehört er (der Neukunde) zu denen, die Sie zuerst oder zuletzt anrufen, wenn es um Folgegeschäfte geht?

Vermutlich Nein, der Stachel sitzt tief und wer sich bei dem Gedanken unwohl fühlt, bis auf das letzte Hemd ausgezogen zu werden, hat nur eine Alternative: Nein zu sagen, bevor Ihr oder der gute Ruf Ihres Unternehmens aufgrund mangelhafter After Sales Aktivitäten leidet. Nein zu sagen, weil die Marge so gering ist, daß die Verwaltungskosten eine Initialisierung kaum noch zulassen und ein Verzicht die bessere Alternative darstellt. Mit der Brechstange kann das filigrane Netz der Kundenbeziehung nicht geknüpft werden. Weder von Ihnen, noch vom Gegenüber.

5 Kommentare zu “Dürfen Vertriebler auch einmal NEIN sagen?”

  1. Alexa sagt:

    Vielen Dank für diesen wunderbaren, lesenswerten Beitrag. Ich habe einige Jahre im Vertrieb mit dem Kampf verbracht, nein sagen zu wollen aber nicht zu dürfen. Wenn sich ein Interessent für mich, das Produkt, das Unternehmen entschieden hat, sollte er auch an einer Win-Win Situation Interesse haben.

    Bitte mehr solche Artikel :-)

  2. Christian sagt:

    Danke Alexa, sehe ich genauso, Aufklärung tut Not :-)

  3. Oliver// sagt:

    wird einem Vertriebler das Nein-sagen nicht in zahllosen “Mehr Verkaufen” und “Think-positive”-Seminaren ausgetrieben? Wird er nicht täglich darauf fixiert, der Wurst solange hinterherzurennen bis er den Abschluss hat?

  4. Christian sagt:

    Genau, viele Vertriebler, die NICHT gleichzeitig auch Geschäftsführer sind, nennen diese Seminare auch Umerziehungscamps ;-)
    Gruß
    Chris

  5. Ralf sagt:

    Das Nein-Sagen sollte dem Vertriebler ebenso zugestanden sein, wie man vom ihm die anderen vertrieblichen Aktivitäten erwartet. Das Problem ist die Art des Nein-Sagens. Plump und unkommentiert vergrault es eher den Kunden. Ein NEIN muß immer gut erklärt werden damit der Kunde es auch akzeptieren kann. Die Hierarchiestufe 1 sollte lediglich darauf achten, wann der Vertrieb mit den Neins beginnt. Zu Früh bedeutet weniger Aufträge- Zu Spät bedeutet schlechtere Aufträge. Dazwischen liegt die Wahrheit…..

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