Was tun nach der Steueraffäre?

11. Februar 2009 von Georg Blum

Zumwinkel als BrieftragerHallo Herr Zumwinkel,

schon Mitte 2007 haben wir Sie entdeckt, als Sie für Ihr Unternehmen mehr als nur der Vorstandsvorsitzende waren.

Schon jeher als Vorbild, haben Sie zu dieser Zeit fleißig unsere Briefe ausgetragen. (Und möglicherweise auch hineingespickelt, falls es Briefe an das Finanzamt waren.) Ein Schelm, der böses dabei denkt. Ja nichts anbrennen lassen. Nun gut. Sie haben Ihr Verfahren bekommen. Glück gehabt. Und bloß kein Neid.

Und sicher kommt es nun bei Ihren ehemaligen Mitarbeitern gut an, dass Sie Ihre Strafe auch gleich wieder abarbeiten. Da kann der Kollege und Steuerzahler nun wirklich nichts dagegen haben.

Sollten Sie mal bei uns Briefe austragen bzw. einwerfen, klingeln Sie kurz. Für einen Plausch und einen Kaffee ist immer Zeit.

Herzlichst Ihr langjähriger Kunde
PS: Übrigens, kann es sein, dass demnächst Ihr Freund Herr Mehdorn als Schaffner auftaucht?

Am 23. 12. durfte Helmut Schmidt seinen 90. Geburtstag feiern. Die Bildzeitung veröffentlichte seine 90 besten Sprüche.  4 Biographien sind entstanden, sein eigenes Buch “Außer Dienst”. Ich denke, im Nachgang gilt es auch mal das Kleingedruckte über ihn herauszustellen.

Der vielleicht berühmteste und aktuellste Spruch von ihm ist: Wer Visionen hat, der sollte zum Arzt gehen. Was meinte er schon in den siebziger Jahren damit? Er hat sich immer als Realist bezeichnet. Weder Pessimist noch Optimist. Insofern sind Visionen für ihn Hirngespinste, die eher mit einer Bauernfängerei als mit … zu tun haben.

Heute können Sie auf fast jeder Webseite nachlesen, was die jeweilige “Mission” oder “Vision” des Unternehmens ist. Schmidt würde dazu nur genüßlich seine Zigarette anzünden. Denn oft ist das dort geschriebene nicht mal ein Zündholz wert.

Seine Vision war z.B. China wird das einzige kommunistisch regierte Land sein, welches den Spagat zwischen Marktwirtschaft und Sozialismus aushält.

Er vermutete schon vor 5 Jahren, dass die unregulierten Finanzmärkte in einem Kollaps enden würden. Das war seine realistische Vision.

Aber der Knaller war bei seinem ersten Wahlkampf für ein politisches Mandat, als er einen Familien-Film als Wahl-Werbung an die Häuserwände in seinem Hamburg Wahlkreis “geworfen” hat. Mit Erfolg. Heute würde man das Guerilla-Werbung nennen.

Letztendlich hat er schon vor vielen Jahren geklagt, dass Unternehmen sich nicht kundenorientiert verhalten würden. Auch hier hat er der Branche den Spiegel der “Zeit” vorgehalten.

Aber wie sagt er am Ende dieser Zeit-Werbung so schön: ” Jeder von uns muss noch ein bißchen was dazu lernen”. Recht hat er.

Ersatzbank – die sichere Bank

13. Oktober 2008 von Georg Blum

Im Moment jammern die Banken bzw. Bänker, dass man endlich versteht, wo der Begriff des Bänkelsängers herkommt.

Hätte man mich gefragt, was man zurzeit als Bank an seine Kunden schreiben sollte (aber mich fragt ja keiner, denn die Banken bzw. deren Mitarbeiter sind alle mit sich selbst oder der Krise oder beidem beschäftigt), dann hätte ich als Berater für Beziehungsmanagement und Dialog-Kommunikation meiner Bank geraten: Schicken sie doch ihren Kunden ein Schreiben, dass die meisten Gelder und Einlagen sicher sind.

Und: Man könne sich als Kunde doch mal Zeit nehmen und vorbei kommen. Nein, nicht weil es eine Menge zu besprechen gibt. Auch nicht, weil man das Geld evtl. „umbetten“ können, vielleicht auch deshalb, dass man nachts ruhiger schlafen könne. Und schon gar nicht, weil man ja denen, die noch Liquidität haben, einen besonderen Service oder Cross-Selling angedeihen lassen könnte. Nein, auf solche banalen Ideen kommt der Bänkel nicht. Bänkel? Hat das nicht etwas mit Bengel zu tun? OK, wieder mehr Ernst bei der Sache.

Ach ja, eigentlich wollte ich Ihnen ja erzählen, was die Bank – Ihre Bank –  Ihnen bzw. ihren Kunden hätte schreiben können. Z.B. Folgendes: „Kommen Sie vorbei und schauen sich das Geld an. In unserem Tresor liegt es sicher.“ Das ist doch was. Der klassische Banken-Dreiklang: Klarheit, Transparenz. Sicherheit.

Sie machen einen Termin. Doch ist das, was im Tresor liegt, auch mein Geld? Wahrscheinlich werden Sie, wie alle „Schafe“ oder Kunden, am Tresor vorbeigeführt – wie an einem Mausoleum. Man hat das Gefühl, man sieht hier noch die Überreste. Ein wenig Trauer kommt auf, aber es bleibt das mulmige, um am Ende doch positive Gefühl, dass man selbst ja noch lebt und wieder einmal Glück gehabt hat. Ein emotionaler Moment. Sie ballen die Faust und rufen “Tschacka”. Fazit: Ich habe auf die sichere Bank gesetzt!

Sie finden das absurd? Ich auch, was da gerade im Bankensektor passiert. Aber gut: Ende des Traum(a)s.

Zurück zur Realität. Haben Sie von Ihrer Bank in den letzten Tagen ein solches Schreiben bekommen? Nein, dann wissen Sie wie ich: Das Geld ist nicht mehr sicher. War es schon jemals sicher? Also komme ich nach kurzer Überlegung auf die Idee: Überweisen wir doch das Geld auf die Ersatzbank. Aber schieben Sie diese Idee nicht auf die lange Bank. Sonst könnte sich der „Wind of Change“ sich schon wieder gedreht haben und andere sind Ihnen zuvor gekommen. Und fallen Sie jetzt nicht auf die Hinterbänkler rein. Die waren schon in der Schule gefürchtet. (Ich will jetzt keine Namen nennen. Aber da gab es mal eine isländische Bank. Die spricht jetzt russisch.)

Ersatzbank, das ist im Moment die sicherste Bank. Warum? Da sitzen meist hoch bezahlte Spieler rum und warten darauf, Leistung zeigen zu dürfen. Den Kollegen zeigen, dass man es drauf hat! Die Plätze auf der Ersatzbank gelten zwar als hart. Aber häufig spricht der Reporter von einem Joker, der eingewechselt wird. Oder: Der Trainer hat ein glückliches Händchen bewiesen. Also nehmen Sie das restliche, verbliebene Geld in die Hand und tragen es auf die Ersatzbank und verweisen ihren bisherigen Anlageberater auf die Strafbank.

Apropos „sichere Bank“. Ich empfehle dem Duden dieses Bonmot bei der nächsten Ausgabe zu streichen. Oder Wikipedia schreibt: Bank, Mehrzahl: Bänke – kommt aus dem altdeutschen und bedeutet Erhöhung. Das ich nicht lache. Das klingt doch eher hohl oder nach Erniedrigung. Nach Bankdrücker. Aber greifen Sie jetzt nicht in die Messerbank, das lohnt sich nicht. Alternativ bleibt uns ja immer noch die Sandbank oder die Austernbank.

Der neue Scirocco. Die Werbung. Der Datenschutz.

26. August 2008 von Jochen Mayer

Haben Sie auch Post gekriegt? Ein mittelschweres Kuvert in meinem Briefkasten. Von VW. Eine Werbebroschüre über den neuen Scirocco. Erst bin ich erschrocken: Scirocco? Hatte ich 1993 mit der Kiste meines WG-Mitbewohners vor der Uni falsch geparkt? Nein – es gibt einen nagelneuen Scirocco. Erschrocken bin ich auch, dass ich den Namen “Scirocco” gerade eben abschreiben musste. Polo, Golf, Passat kann man richtig schreiben ohne nachzudenken. Aber Scirocco? Einer der orthographisch anspruchsvollsten Winde! Ein Fön mit Abitur sozusagen. Hätten Sie’s auf Anhieb gekonnt? Man darfs nicht mit der Salatsorte verwechseln.

Und er sieht wirklich schick aus. Ein ganz sportlicher Flitzer. Und auch schon in der bereits seit zwei oder drei Jahren angekündigten Mega-Trend-Autofarbe weiß. Ja, weiß. Auf allen Fotos. Gibt ihn vielleicht nur in weiß.

Also mich überzeugt er. Zumindest durch markante Statements im Begleittext: “Rasant fahren kann jeder. Rasant stehen nicht.” schon gar nicht schlecht oder? War aber nur zum Aufwärmen. Richtig gut finde ich “Er parkt nicht. Er wartet” und “Mit höhenverstellbarem Adrenalinspiegel”. Danke VW, das ist schon nah an “ist Ihnen Ihr Kind Nutella wert?”

Doch zwei Antworten liefert die Broschüre nicht: 1. Wird das beigelegte riesige 3-D-Wackelbild im Restmüll oder im gelben Sack entsorgt oder kann man es etwa genauso fortschrittlich wie den Scirocco kompostieren? Und 2. Wie kommt eigentlich VW an meine Adresse? Ich stand in meinem ganzen Leben noch nicht mit VW in einem Geschäfts- oder Geschäftsanbahnungsverhältnis. Ich bin bei allen Internet- und sonstigen Konsumentendialogen mit der deutschen Wirtschaft sehr darauf bedacht mein Daten nie an Dritte freigeben zu lassen. Vielleicht haben Sie einfach alle Haushaltsvorstände angeschrieben. Weltweit. Oder wars doch zielgruppenspezifisch? Mal richtig das CRM gewürgt?

Warum schreiben die bei VW denn nicht wenigstens in das Anschreiben “Hallo Herr Mayer, wir haben Ihre Daten von der Telekom. Die meinten, wer so hohe Telefonrechnungen wie Sie hat, seit drei Jahren DSL 6000 und eine UMTS-Flatrate nutzt, einer dessen TomTom mehr als 20.000 km in 3 Ländern pro Jahr ausweist und einer der seine monatlichen Rechnungen seit 15 Jahren automatisch anstandslos einziehen läßt, na der interessiert sich doch bestimmt für einen neuen weißen Scirocco. Und übrigens: eine Einbauhalterung für das Nokia N95 Ihrer … Cousine (?) bekommen Sie von uns als kleine Aufmerksamkeit kostenlos dazu.”?

Probefahrt? Nein Danke. Gibts ja eh nur in weiß.

Wissen Sie, was eine Blumenspendenvermittlungsvereinigung ist oder besser war? 1908 wurde der spätere Fleurop-Service geründet. Toll, nicht? Man muss ja auch mal loben. 

Zuerst wurden die Grüße aus abgekürzten lateinischen Worten codiert als Telegramm verschickt. Seit in der Floristenausbildung immer seltener Latein-Kenntnisse gefragt waren, ist dieses gängige System leider ausgestorben. Heute wird das Ganze ordinär über das Telefon oder das Internet abgewickelt.

Der erste Blumenstrauss, der auf diese neue Art verschickt wurde, ist in Berlin-Kreuzberg bestellt und in Potsdam ausgeliefert worden. Selbst die sonst so schnellen Amis haben hier nur auf die Kopierfunktion drücken können. Erst 1910 fand das System über dem Teich seine ersten Nachahmer.

 
4 Mio. Grüße gehen heute pro Jahr auf Reisen. Im Schnitt für 30 Euro. “Na, war Ihre letzte Lieferung unter diesem Wert?” Aber Scherz beseite. Das Beste ist: Demnächst ist ja Muttertag. Der fällt auf einen Sonntag, den Pfingstsonntag. Nur leider ist an Feiertagen kein Blumenverkauf erlaubt. Nun kam irgendeiner innerhalb der Baden-Württembergischen Regierung auf die Schnapsidee, dass man mit einer Werbekampagne die Kinder der Mütter darauf hinweisen soll, dass sie gefälligst ihre Blumen für Muttertag schon am Samstag kaufen sollen.

Dafür wurde das sagenhaft opulente Budget von 50.000 Euro ausgelobt. Naja, wahrscheinlich hat man sich dabei folgendes gedacht: Das ist die neue Form von Guerilla-Marketing. Die Idee ist so schlecht, dass einige Journalisten das Thema aufgreifen und darüber schreiben.

Wahrscheinlich kann die Regierung sich jetzt sogar die 50.000 komplett sparen, denn einerseits hat man sie hoffentlich darauf aufmerksam gemacht, dass man mit diesem Betrag keine breitenwirksame Kampagen fährt. Und die Presse hat wirklich ausführlich darüber gelästert. Deshalb weiß es inzwischen jeder.

Muttertag ist am 11. Mai. Also wann müssen Sie die Blumen kaufen? Fragen Sie Günther Öttinger, oder jemand der sich damit auskennt. Also schon Notiz im Kalender gemacht?